
Bruno Heynderickx bringt internationale Tanzgeschichte auf die Bühne des Hessischen Staatsballetts. Als Ballettdirektor verbindet er seit 2020/21 jahrzehntelange Erfahrung aus führenden europäischen Compagnien mit einer klaren Vision für zeitgenössischen Tanz.
»Wenn man sich hundertmal auf den Boden wirft, sollte man wissen, warum man das tut.«
»Ich erinnere mich wie Rui Horta, der portugiesische Choreograf, diesen Satz einmal zu mir sagte – damals war ich noch ein ›einfacher‹ Tänzer. Rui Horta und ich begegneten uns 1996. Zu dieser Zeit tanzte ich beim ›Ballet du Grand Théâtre de Genève‹, während Rui bereits zu den gefragtesten Choreografen seiner Generation zählte. Mit seiner in Frankfurt ansässigen Compagnie ›SOAP‹ zeigte er seine Arbeiten auf den großen Bühnen der Welt. Seine künstlerische Arbeit und Vision berührten mich so tief, dass ich meine gut bezahlte und sichere Position in Genf aufgab, um in mehreren seiner freien Produktionen zu tanzen.
O Espaço do Tempo: Ein Kloster als Denkraum für die Zukunft
Im Jahr 2000 bat mich Rui, ihn beim Aufbau von ›O Espaço do Tempo‹ zu unterstützen: Gemeinsam entwickelten wir ein transdisziplinäres Residenzzentrum in einem idyllischen Kloster aus dem 16. Jahrhundert in der kleinen Stadt Montemor-o-Novo, Portugal. Die Jahre, die ich dort verbrachte, markierten beruflich einen entscheidenden Wendepunkt. Rui schenkte mir das Vertrauen und die Möglichkeit, über die Rolle des ›reinen‹ Tänzers hinauszuwachsen – zu produzieren, zu organisieren und als künstlerischer Assistent an seiner Seite zu arbeiten. Rückblickend legte diese Zeit das Fundament für die künstlerische Leitung, die ich später übernommen habe. Sie prägte mein Verständnis von Führung und beeinflusst bis heute die künstlerische Ausrichtung der Compagnien, für die ich Verantwortung tragen durfte.
COLINA: Künstlerische Utopie und kollektive Vision
Eines der prägendsten Projekte, die wir dort gemeinsam entwickelten, war ›COLINA‹ – eine Art künstlerische Utopie, für die wir 25 Künstler*innen unterschiedlichster Disziplinen einluden und einen Kontext schufen, der ihren kreativen Visionen kaum Grenzen setzte. Das tägliche Entstehen neuer Projekte eröffnete neue Denkweisen, neue künstlerische Richtungen und eine intensive Form der Zusammenarbeit. Diese Erfahrungen waren wegweisend dafür, dass ich in meiner heutigen Position beim Hessischen Staatsballett kollaborative Projekte wie ›Startbahn FLUXUS‹ initiiere oder jüngst die Zusammenarbeit mit dem Masterstudiengangprogramm der Hochschule in Dieburg im Rahmen von ›Motion Creation Design‹. In diesem Projekt, angesiedelt im Kontext der ›World Design Capital Frankfurt Rhein-Main‹, erforschen wir das Verhältnis von KI und Tanz.
Verantwortung und das bewusste Warum
Aus derselben inneren Bewegung heraus engagiere ich mich für ein Tanzhaus – als offenen Ort mit professionellen Arbeitsbedingungen für den Tanz, in dem künstlerische Arbeit Zeit, Raum und ein bewusstes ›Warum‹ findet. Wenn ich heute auf diese Initiativen blicke, wird mir bewusst, dass Ruis Satz nie aufgehört hat, in mir nachzuklingen. Zu wissen, warum man sich auf den Boden wirft, bedeutet nicht nur körperliche Hingabe – es geht um Haltung, Verantwortung und Mut. Es ist eine Frage, die ich mir bis heute immer wieder stelle, bei jeder künstlerischen und leitenden Entscheidung, die ich treffe.«
Welche Persönlichkeit gilt für Sie als Ikone, vor allem mit Bezug zu Limburg? Ihre interessanten Beiträge für die nächste Ausgabe der Vivart Limburg nehmen wir gerne unter info@vivart.de entgegen.
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