
Lieber Erik, unsere aktuelle VivArt-Ausgabe titelt mit ›Echte Werte‹ und das Schreiben gehört für uns definitiv dazu. Nun ist deine Werkstatt mehr als nur eine typografische Schatzkammer. Wie würdest du sie beschreiben?
Wir haben hier zwei Mottos. Erstens: ›Erhalt durch Produktion‹. Wir können die alten Maschinen, Schriften und Fertigkeiten nur erhalten, wenn wir damit arbeiten. Hier gibt es keine roten Kordeln oder Schilder mit ›Berühren verboten‹. Im Gegenteil – wir geben allen die Gelegenheit, nach kurzer Anweisung selbst zu setzen und zu drucken. Außerdem haben wir ein Verfahren entwickelt, mit dem wir Daten direkt vom Computer an unseren Heidelberger Zylinder von 1954 schicken und damit Letterpress-Bücher drucken, also das Digitale mit dem Analogen verbinden. So bleiben die alten Maschinen auch heute noch nützlich und wir geben unser Wissen weiter. Unser zweites Motto stammt von Immanuel Kant: »Die Hand ist das Fenster zum Geist.« Eine ganze Generation ist mit dem Smartphone aufgewachsen und verliert dabei die Fähigkeit, etwas wirklich zu ›begreifen‹, nämlich durch Anfassen zu verstehen. Wir sind Wesen, die räumlich denken und leben. Auf einer Glasscheibe können wir nichts in die Hand nehmen und sinnlich erkunden. Wenn wir mit Buchstaben umgehen und lernen, dass auch die Zwischenräume aus Material bestehen, begreifen wir, dass eine Druckseite eine stabile Konstruktion ist, deren Gesetzmäßigkeit sich beim Betrachten mitteilt. Handarbeit ist also unser Zugang zum richtigen Lernen und Erleben.

Du hast viele Auszeichnungen erhalten und arbeitest mit tollen Marken zusammen. Bist du ein Nerd?
In gewisser Weise schon. Ich habe recht viel Wissen über Schrift und Typografie angesammelt, theoretisch wie praktisch. Ich lese viel, fahre aber auch viel Fahrrad und entwerfe sogar selbst Fahrräder. Ich spiele Gitarre, lerne Sprachen und reise viel. Ich möchte jeden Tag etwas klüger zu Bett gehen, als ich aufgestanden bin. Ich will neben meinem nerdigen Spezialwissen auch sonst gut informiert bleiben und möglichst wenig bei Wikipedia nachschlagen müssen.
In deiner Werkstatt ist mir ein Druck mit der Aussage ›BETTER DONE THAN PRFEKT‹ aufgefallen. Was ist interessanter? Dass wir 90 Prozent der Zeit aufwenden, um die letzten zehn Prozent Perfektion zu erreichen, oder dass wir die Botschaft dennoch lesen können?
Ich bin in der handwerklichen Arbeit ein 110-prozentiger Perfektionist, auch wenn kein Auftraggeber das merkt, geschweige denn bezahlt. Richard Sennett schreibt in ›Handwerk‹: »Ein Handwerker ist jemand, der seine Arbeit so gut macht, wie er es kann.« Und: »Ein Gegenstand ist erfüllt von der Mühe und der Liebe, die in seine Herstellung geflossen sind.« Dieser theoretische Anspruch wird in einer Werkstatt wie unserer täglich auf die Probe gestellt; wenn man bemerkt, dass es nicht das richtige Material gibt, nicht genug Zeit und manchmal auch nicht genug Wissen, um das optimale Ergebnis zu erreichen. Bei alten Holzschriften fehlt zum Beispiel oft ein Buchstabe oder es gibt ihn nicht in der richtigen Größe. Der von dir zitierte Satz kam so zustande, weil ich in der ausgesuchten Schrift (Akzidenz Grotesk Halbfett in 20 Cicero) nur viermal den Buchstaben ›E‹ hatte und zu faul war, noch mal mit einer anderen Schrift neu anzufangen. Solche wunderbaren Zufälle gibt es auf dem Computer nicht: mit seinen 1,6 Millionen Farben und Hunderttausenden von Schriften. Der Buchstabenvorrat ist also unendlich. Perfekt ist etwas dann, wenn ich mit dem Ergebnis zufrieden bin – unter den gegebenen Umständen. Das macht mich bescheiden und dankbar.

Angeblich gibt es viele deutsche Tugenden wie etwa Fleiß, Geradlinigkeit, Ehrlichkeit. Gibt es diese wirklich? Oder sind sie universell?
Klar gibt es die! Aber wohl zunehmend weniger, denn wir werden täglich getrieben von Ansprüchen, die wir meinen, erfüllen zu müssen. Noch mehr Likes auf Instagram oder ein paar Follower mehr scheinen wichtiger als der eigene Anspruch, wenn wir meinen, der ganzen Welt gefallen zu müssen. Ich habe meine Mitarbeiter immer ausgesucht nach Haltung und Persönlichkeit, nicht nach Zeugnissen und Bewerbungsmappen. In den vergangenen Jahrzehnten habe ich etliche Hundert Leute eingestellt sowie einige Generationen von Studenten ausgebildet und freue mich, dass fast alle vernünftige Menschen geblieben sind, derer ich mich nicht schämen muss.
Im Business wird die Schönheit oft unterschätzt. Was ist dir bei deiner Arbeit schon immer wichtig?
Die Aufgabe als Gestalter ist immer, unsere Auftraggeber und besonders deren Kunden zufriedenzustellen. Darüber hinaus haben wir aber auch die Pflicht, jedem gestalteten Objekt ein wenig Schönheit mitzugeben und die Welt damit ein wenig schöner zu machen. Hier in Berlin habe ich vor 33 Jahren dafür gesorgt, dass alle Fahrzeuge der Berliner Verkehrsbetriebe nicht beige, bräunlich, zitronig oder dunkelorange aussehen, sondern sonnengelb. Das bringt Farbe in diese Stadt, die es dringend nötig hat. Beige, also ›Beamtengelb‹, wäre ein praktischerer Kompromiss gewesen, aber ich habe mich durchgesetzt und heute will es niemand mehr missen.
Was wünschst du dir für die Zukunft?
Einen Sponsor für die Werkstatt. Wenn meine Erik-Spiekermann-Stiftung keine finanzielle Unterstützung findet, müssen wir zum Jahresende schließen. Wir haben einen Freundeskreis, der uns mit vielen kleinen Beträgen unterstützt, aber wir brauchen mindestens 100.000 Euro im Jahr, um weiter unsere Arbeit machen zu können. Man sollte denken, dass ein großer Verlag wie Bertelsmann oder ein großer Schriftvertrieb wie Monotype Interesse daran hätten, das typografische Handwerk zu fördern und diese Fertigkeiten und Gerätschaften zu erhalten. Immerhin sind wir das Land Gutenbergs und sein Erbe hätte es verdient, nicht in dunklen Museumskellern zu verkümmern oder hinter Absperrungen bestaunt, aber nicht angefasst zu werden.
Danke für das Gespräch, Erik! Wir hoffen, es verschafft dir und deiner Stiftung mehr Aufmerksamkeit.
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Erik Spiekermann
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