Auf Goethes Spuren

Wer das Wiesbadener Landesmuseum besucht, trifft unweigerlich auf Johann Wolfgang von Goethe. Majestätisch thront der Dichterfürst auf dem Treppenabsatz vor dem Eingang – inszeniert als Göttervater Zeus. Das Museum hat dem ›Universalgenie‹ viel zu verdanken. Von Dagmar Binder in VivArt Lebenszeit

Foto: Rui Camilo

Da kann man sich schon fragen: »Was macht der Geheimrat hier? Der gehört doch nach Frankfurt!« Nicht nur. Wiesbaden verdankt Goethe viel, insbesondere das Museum. Deshalb gaben Wiesbadener Bürger die Skulptur in Auftrag und platzierten sie absichtsvoll vor dem 1915 errichteten Museumsbau. Angefangen hat alles im Juli 1814, als Goethe für eine mehrwöchige Kur nach Wiesbaden reiste. Über die neu gebaute ›Frankfurter Chaussee‹ kam seine Kutsche via ›Alleestraße‹, passierte das sich noch im Bau befindliche Erbprinzenpalais und gelangte ins Kurviertel. Man sagt, er suchte Linderung von ›Altersbeschwerden‹, da er häufig an Infekten, Koliken sowie Herz­ und Kreislaufbeschwerden litt. Aber der unruhige Geist fand hier auch Inspiration und Zerstreuung. Während der Kur arbeitete er intensiv an den Gedichten des ›West­ östlichen Divan‹, wofür er sich schon eine Weile mit den Werken des persischen Dichters und Mystikers Hafis beschäftigt hatte. Anders als Rudyard Kipling (›Ost ist Ost / West ist West / sie werden nie zueinander kommen‹) betrachtete Goethe die persische Dichtkunst als ebenbürtig. 

ALS KURGAST IN WIESBADEN 

Goethes Freund, der Komponist Carl Friedrich Zelter, logierte damals
im ›Badhaus zum Bären‹, wo auch Goethe ab August ein »Quartier mit drei Piecen« – also ein Appartement – bezog, in dem er auch hochrangige Gäste stilgerecht empfangen konnte. Speisen konnte man im ›Bären‹ wie in den meisten Badhäusern zu jener Zeit nicht. Dafür suchte man ein Gasthaus auf oder ließ sich etwas bringen. 

Goethe war viel in Wiesbaden und Umgebung unterwegs oder folgte Einladungen zu Freunden und Bekannten. Ein Höhepunkt war sicherlich sein 65. Geburtstag, den er am 28. August 1814 mit einem späten opul­ enten Frühstück begann und mit honorigen Gästen im großen Saal des Wiesbadener Kurhauses feierte. Zu seinen Ehren geladen hatte Caroline Freifrau zu Holthausen. Danach ging es weiter zum Biebricher Schloss zur ›Hoftafel‹ mit Herzog Friedrich August und Herzogin Luise von Nassau, wo entsprechend weitergefeiert wurde. 

»Wer sich selbst und andere kennt Wird auch hier erkennen: Orient und Occident sind nicht mehr zu trennen.«

West-östlicher Divan (1819)

Der Kursaal mit Kurparkweiher zu Goethes Zeiten

EIN MENTOR FÜR WIESBADEN 

123 Tage verbrachte Goethe in den Jahren 1814 und 1815 in und um Wiesbaden. Er schätzte die Region sehr und berichtete rückblickend in einer kulturpolitischen Zeitschrift: ›Ueber Kunst und Alterthum in den Rhein und Mayn Gegenden‹. Und er machte sich stark für ein nassauisches Museum in der Residenzstadt Wiesbaden. Er empfahl, die Sammlung seines langjährigen Bekannten Johann Isaak von Gerning als Grundstock von Frankfurt nach Wiesbaden zu überführen und damit die »so viel besuchte, an Ausdehnung und Umfang täglich wachsende Stadt durch Sammlungen bedeutender zu machen«. Der Frankfurter Kaufmann, Diplomat, Schriftsteller und Illustrator von Gerning hatte nicht nur eine bedeutende Sammlung Nassauischer Altertümer angelegt, sondern auch Naturkundliche Sammlungen vor allem von Insekten und insbesondere von Schmetterlingen, die selbst zur damaligen Zeit europa­ weit als einzigartig galten. 

VOM ERBPRINZENPALAIS ZUM HEUTIGEN LANDESMUSEUM 

Die Verkaufsverhandlungen zogen sich noch einige Jahre hin, bis man sich auf eine Leibrente für den inzwischen zum Freiherrn geadelten Sammler einigte. Auf der Grundlage der Gerningschen Sammlungen wurde 1825 das Nassauische Landesmuseum Museum im Erbprinzen­ palais in Wiesbaden eröffnet. 1915 wurde der heutige Museumsbau in der Friedrich­Ebert­Allee fertiggestellt und auch die naturkundlichen Samm­lungen zogen hierher. Vier Jahre später wurde Goethes Denkmal aus Granit aus dem Fichtelgebirge davor aufgestellt.

TIPP: ›DEN SCHMETTERLINGEN AUF DER SPUR‹ IM LANDESMUSEUM WIESBADEN

Schmetterlinge – auch Schuppenflügler genannt – sind mit über 800.000 Exemplaren bis heute die dominanteste Organismengruppe in den Depots unseres Landesmuseums. Bis zum 31. Januar 2021 ist die Ausstellung ›Schmetterlingen auf der Spur‹ noch zu sehen. Zahl­ reiche Mitmach­ und Mikroskopier­Stationen laden zum Entdecken ein. Lebende Raupen können beim Wachsen und Verpuppen beobachtet werden. Neueste Forschungserkenntnisse inspirieren dazu, sich für die Lebensräume der Schmetterlinge einzusetzen. 

Museum Wiesbaden

museum-wiesbaden.de


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