
Rui Camilo ist ein Reisender mit Kamera – immer auf der Suche nach Geschichten, die Menschen, Orte und ihre Beziehungen zueinander sichtbar machen. Im Gespräch mit „On the Road“ erinnert er sich an die legendäre Mille Miglia 2006, erzählt von paradiesischen Begegnungen fernab von Klischees, gefährlichen Momenten auf Java und bewegenden Erfahrungen bei den Arapahoe in Wyoming. Ein Interview über Leidenschaft, Respekt und die Kunst, die Welt mit offenen Augen zu sehen.
Lieber Rui, was ist dir nach 20 Jahren von der Mille Miglia noch lebhaft in Erinnerung geblieben?
Es war ein Filmprojekt meines damaligen Studiopartners Stephan Heimann, und ich bin das Rennen mitgefahren, um es zu fotografieren. Ich war fasziniert davon, mit welcher Leidenschaft die Italiener dieses Dreitagerennen begleitet haben. Überall am Straßenrand haben sie gewunken und Gassen für die Fahrzeuge gebildet. Ganze Schulklassen bekamen dafür frei. Die Oldtimer selbst waren manchmal sehr unbequem: Eng, laut und zu heiß; die Füße sind förmlich verbrannt und Servolenkung gab’s auch nicht. Aber der Spaß war enorm, und es war spannend, wie die Teilnehmenden technische Tücken auf ihre Weise lösten. Manche hatten eigene Mechaniker dabei, andere sind gleich zu Pininfarina in die Werkstatt gefahren – je nach Geldbeutel. Was für mich, der ich die Strecke selbst zurückgelegt habe, nach wie vor unvorstellbar klingt, ist, dass Rudolf Caracciola 1931 in seinem Mercedes SSKL die Mille Miglia mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 101 Stundenkilometern in etwas über 16 Stunden absolvierte! Wir haben trotz weniger Pausen drei Tage benötigt.
›On the road‹ bist du selbst ständig, für dein Buch ›Common Ground‹ hast du Fußballtore als völkerverständigendes Element in über 30 Länder fotografiert. Hast du auf deinen Reisen noch ein ungetrübtes Paradies gefunden?Ungetrübte Paradiese habe ich keine gefunden, und wenn, würde ich diese zu ihrem Schutz nicht preisgeben wollen. Aber ich wurde überall auf der Welt immer sehr freundlich und herzlich aufgenommen, und das empfinde ich schon irgendwie als ein paradiesisches Phänomen, wenn man bedenkt, wie viele Kriege, Konflikt und Rassismus es auf der Welt gibt. Paradies bedeutet nicht Palmen und Strand, sondern Frieden, Respekt und Toleranz. Das könnte man eigentlich überall auf der Welt haben, es liegt an uns ….
Den Pazifik hast du auch bereist. Hast du jemals einen Brauch oder ein Tabu verletzt?
Es war die ›Pacific-Voyagers-Expedition‹ der Okeanos Stiftung, an der ich teilhaben durfte. Ich konnte leider nicht an der gesamten Expedition teilnehmen, denn die sieben Katamarane waren über ein Jahr lang unterwegs. Aber ich habe viele Etappen mitgemacht und war auf Hawaii, den Fidschi-Inseln, Tahiti und den Salomonen. Wahrscheinlich habe ich aus Unwissenheit das eine oder andere Tabu verletzt, aber mit der Zeit gelernt, worauf es ankommt und was man darf und besser nicht macht. Wenn auf beiden Seiten ein respektvoller Umgang herrscht, ist das alles kein Problem.

Für welches Motiv hast du dich in Lebensgefahr gebracht?
Ich bin eigentlich umsichtig und versuche, keine unnötigen Risiken einzugehen. Auf Java jedoch bin ich einmal in den ›Bromo‹ hineingeklettert. Was ich nicht bedacht hatte, war, dass es auf dem Grund des erloschenen Vulkans viele Fumarolen und Sulfataren gibt, die heiße, giftige Schwefeldämpfe ausstoßen. Das war naiv von mir, und ich hatte wirklich Glück, dass mir nichts passiert ist. Zudem war der Rückweg zum Kraterrand beschwerlich. Als ich endlich wieder oben ankam, hat gefühlt ein halbes Dorf besorgt mit Essen und Trinken auf mich gewartet. Es rührt mich bis heute, wie bange diese Menschen um mich leichtsinnigen Fremden waren.

Du bist als Fotograf ein sehr reflektierender Mensch. Welche kulturelle Begegnung hat dich in den vergangenen Jahren am meisten beeindruckt?
Ich habe in Wyoming im ›Windriver Reservat‹ mehrere Monate beim Stamm der Arapahoe gelebt und war sehr beeindruckt, wie selbstständig dort die Kinder aufwuchsen. Selbst die Kleinsten sind irgendwo herumgekrabbelt und haben auf eigene Faust die Welt erkundet, und nicht etwa, weil ihre Eltern sich nicht gekümmert hätten! ›Helikoptereltern‹ scheint es dort nicht zu geben. Leider sind die Lebensumstände in einem Reservat nicht besonders, und es gab damals so gut wie keine Anreize für Weiterbildung oder Freizeitgestaltung. Viele dieser wunderbaren Kids hingen dann als Teenager an der Tankstelle herum und wurden drogenabhängig. Ich plane, in den nächsten Jahren noch einmal hinzufahren, um zu erfahren, ob sich etwas an ihrer Situation verbessert hat. Ich hoffe es sehr!
Wohin geht’s als Nächstes?
Als Nächstes bin ich in Barcelona, um einen zeitgenössischen Komponisten zu porträtieren, und ich freue mich sehr auf diese Begegnung und die leckere spanische Küche!
Vielen Dank für das Gespräch!
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